LZ vom 06.08.2022

Neben dem Stadtluzerner Musikpavillon messen sich tagtäglich begeisterte Spieler im Wettkampf. Wir haben sie besucht.

Simon Mathis, LZ vom 06.08.2022

 

Wer den Musikpavillon auf dem Stadtluzerner Kurplatz passiert, kann es gar nicht überhören: das charakteristische Klackern der Metallkugeln. Seit über 40 Jahren ist der Übergang zwischen Schweizerhof- und Nationalquai das Reich der Pétanque-Spielerinnen und -Spieler. Der Schatten der Rosskastanien und der feine Kies schaffen ideale Bedingungen für den Präzisionssport, der aus Südfrankreich stammt. Ziel des Spiels ist es, handgrosse Kugeln möglichst nahe an eine kleine Zielkugel, das sogenannte Schweinchen, zu manövrieren.

An einem sonnigen Abend haben wir uns zu einer Pétanque-Gruppe gesellt, wo wir herzlich empfangen wurden. «Ich bin etwa fünf Mal in der Woche hier», erzählt der 75-jährige Werner*. Angefangen hat er vor etwa 18 Jahren. Er sagt mit einem Schmunzeln: «Ich spiele schon recht lange, bin aber noch nicht so gut. Meine Frau hat mich damals in einen Kurs geschickt, da hat es mich sofort gepackt.» Er ist längst nicht der einzige. Der Pétanque-Club Luzern hat etwa 110 Mitglieder. Sie spielen regelmässig am Quai und bei der Ufschötti.

 

Vom Student bis zum Verwaltungsrat

Neben dem Pavillon sind meist Männer älteren Semesters zu sehen. Die Gemeinschaft sei aber diverser, als es den Anschein habe, sagt Beat. Die jüngste Spielerin sei um die 20, der älteste 93. Alle Altersgruppen seien vertreten – und auch alle Gesellschaftsschichten. «Bei uns gibt’s Studenten, Handwerker, Ärzte, Rechtsanwälte und Verwaltungsräte», berichtet Andy. Man helfe sich gegenseitig, nicht nur im Spiel: «Ich habe auch schon von einem Juristen eine kleine Hilfestellung erhalten.»

Besonders beliebt ist das Spiel auch im südostasiatischen Volk der Laoten, von denen viele auch in der Schweiz leben. Einer von ihnen ist schon fast eine lebende Legende: Tuong, der zweifache Schweizer Meister. Er spielt an jenem Abend gemeinsam mit Werner, ist voll konzentriert aufs Geschehen auf dem Kies. Während sich Werner hin und wieder über missglückte Würfe ärgert, ruft Tuong immer wieder: «Bravo, Werni! Macht nüd!»

Es geht kameradschaftlich und locker zu und her, im Vordergrund steht der Spass. Einige der Anwesenden begnügen sich damit, zuzuschauen und zu fachsimpeln. Auch das eine oder andere Erfrischungsgetränk ist nicht weit.

Die meisten Spieler kommen aus der Stadt, einige von weiter her. So etwa Andy, der regelmässig aus dem Aargau anreist und eine einstündige Fahrt in Kauf nimmt. Er erklärt: «Hier sind die besten Spieler, da kann ich am meisten lernen.» Andy hat auf speziellem Wege zum Spiel gefunden. In Udligenswil hat er ohne Vorkenntnis ein Turnier gewonnen. Das habe er stolz seinem Arbeitskollegen Tuong erzählt. Auf die Frage, ob Tuong Pétanque kennt, hat er erwidert: «Ja, ein bisschen.» Einen Tag später habe Andy erfahren, dass Tuong zweifacher Schweizer Meister ist, sagt er mit einem Lachen.

Strategische und mentale Herausforderung

Einer der Laoten – Ning – erzählt, er habe das Spiel genau hier beim Kurplatz kennen gelernt. «Ich bin unzählige Male hier vorbeigelaufen und habe mir immer wieder gedacht: Was spielen die da für ein dummes Spiel?», erzählt er und grinst. Als er aufgrund einer Verletzung das Volleyballspielen aufgeben musste, habe er Pétanque einmal ausprobiert. Seither sei auch er begeistert.

Beat schaut den Laoten «rüüdig gerne» zu. «Bei ihnen sieht das Spiel besonders locker und einfach aus, es steckt aber viel dahinter», sagt er. «Es geht um Strategie und um Geschick. Jemand hat mir mal gesagt, erst nach 10 000 Mal Legen habe man es wirklich raus.» Legen heisst, die Kugel möglichst nahe zum Schweinchen zu werfen. Und beim Schiessen zielt man auf gegnerische Kugeln, um sie wegzubefördern. Pétanque sei aber auch mental sehr fordernd: «Man darf nicht zu viel überlegen, muss sich konzentrieren.»

Inzwischen sind Werner und Tuong im Final eines Mini-Turniers angelangt. Flugs holen sie einen Rückstand von 3:8 auf und erhöhen auf 11:8. Doch in letzter Sekunde können ihre Rivalen das Spiel herumdrehen. «Das war ein echter Hitchcock», sagt einer. Alle geben sich die Hand. Es ist 18 Uhr, für Werner ist es das letzte Spiel an diesem Tag. Er sagt: «Die ganz Angefressenen spielen auch im Winter, wenn es schneit, oder bis 2 Uhr in der Nacht.»

Diesen Durchhaltewillen habe er nicht. Dennoch wird er bald wieder auf dem Kurplatz stehen, mit seinen drei persönlichen Kugeln im Gepäck.

 

Der Legende nach wurde Pétanque in der französischen Hafenstadt La Ciotat erfunden, heisst es auf der Internetseite boule.ch. Dort spielte man das sogenannte «Jeu Provençal» – eine Boule-Variante, bei der man Anlauf nehmen muss. Da einer der Spieler eine Gehbehinderung hatte, passte er kurzerhand die Regeln an, sodass man beim Wurf stehen musste.

 

Bald schlossen sich ihm andere an, die Beliebtheit des Spiels wuchs rasant. Anscheinend stammt der Name des Spiels von «pieds tanqués», was so viel heisst wie «Füsse nebeneinander». Im Unterschied zum Boccia braucht's beim Pétanque keine Banden. (sma)